Interview mit Tierarzt Dr. Otto Binder

Tierarzt Dr. Otto Binder:

„Unsere Esel gehören zur Familie“

Der Wiener Tierarzt Dr. Otto Binder gilt in Fachkreisen als ausgewiesener Eselfachmann. Seit mehr als 40 Jahren hält er selbst Esel – den ersten lernte er als Amtstierarzt im Schlachthof kennen. In unserem Gespräch erzählte er von seiner Berufung zum Tierarzt, von häufigen Erkrankungen bei Eseln und davon, wie aus einer spontanen Rettung eine lebenslange Leidenschaft wurde.

Susanne Pichon: Herr Dr. Binder im Internet sucht man vergeblich nach Informationen über Sie und Ihre Tätigkeit.

Dr. Otto Binder: Das stimmt. Ich beschäftige mich weniger mit Computern und Internet als mit meinen Eseln.

SP:   Und Sie sind auch ohne Internet weit über Wien hinaus bekannt – als Tierarzt mit großer Eselerfahrung und als Eselliebhaber. Haben Sie den Schwerpunkt Ihrer Arbeit damals bewusst speziell auf Esel gelegt?

OB:   Nein, ich bin ein Tierarzt der alten Schule. Ich habe alles behandelt – vom Wellensittich über Pferd und Schwein bis hin zur Kuh.

SP:   Ganz klassisch also.

OB:   Genau. Ich habe in Wien studiert und nach meiner Zeit als Universitäts-assistent an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien und einem Jahr als Assistent in einer Großtierpraxis in Bayern, etliche Jahre als Amtstierarzt am Schlachthof gearbeitet. Hier war ich für verschiedene Bezirke von Wien verantwortlich. Zum Ende meiner Tätigkeit habe ich nebenbei meine Praxis aufgebaut, bin im Alter von 60 in Pension gegangen und habe privat noch eine Zeit lang weitergearbeitet… Tja und heute bin ich 93. Jetzt aber arbeite ich nicht mehr.

SP:   Respekt vor dieser Leistung! Und das Führen einer Praxis war Ihnen als Amtstierarzt erlaubt?

OB:   Ja, nach Dienstschluss durfte ich praktisch tätig sein. Und so habe ich ab sechs Uhr morgens als Amtstierarzt gearbeitet, bin am Nachmittag nach Hause gekommen und war anschließend bis acht oder neun Uhr abends in meiner Praxis tätig.

SP:   Und das ging so über Jahrzehnte?

OB:   Ja, das ging lange Jahre so. Auch weil meine Frau zuhause mitgearbeitet hat. Sie hat mit den Besitzern telefoniert und die Praxis koordiniert.

SP:   Irgendwann sind sie selbst auf den Esel gekommen. Wie war das?

OB:   Ich war als Amtstierarzt in Wien Florisdorf eingeteilt, um die Fleischbeschau durchzuführen, u.a. beim damals größten Pferdefleischhauer in Wien. Eines Morgens komme ich früh dorthin und an der Schlachtbank ist eine Eselin angebunden, die geschlachtet werden soll. Ich schaue mir das Tier an, der Schlächter kommt dazu und ich sagte zu ihm: „Alles in Ordnung, Du kannst sie schlachten!“. Er ging dann auch gleich mit dem Schlachtschussapparat auf das Tier zu. Aber in diesem Moment sieht mich die Eselin an und beginnt, laut zu jammern und zu klagen – so, wie es nur Esel können.

SP:   Wie haben Sie reagiert?

OB:   Ich habe den Schlachter weggeschickt: „Geh und hol mir sofort den Chef!“ Der Chef kam dann auch gleich und fragte verdutzt: „Was ist, das ist doch eine gesunde Eselin? Was gibt es für Hindernisse!?“. Ich aber habe ihn nur gefragt: „Was kostet der Esel?“ 2800 Schilling (rd. 200 €; Anm. d. Redaktion) wollte er haben, und ich sagte: „Gut, führt mir den Esel in den Stall“. So hat das damals begonnen.

SP:   Und das geschah völlig spontan? Sie hatten vorher nie eine Beziehung zu Eseln?
OB. Nein, das war völlig spontan, einfach aus der Situation heraus.

SP:   Aber bei dem einen Esel ist es nicht geblieben?

OB:   Nein, ich hatte immer zwei Esel und über die letzten 30 Jahre hinweg insgesamt 10 Tiere. Derzeit sind wir bei Esel neun und zehn. Die erste Eselin, die ich vor der Schlachtbank gerettet habe, ist 33 Jahre alt geworden. Wir hatten sie ganze 30 Jahre lang. Bei mir bleibt jedes Tier bis zu seinem Lebensende.

SP:   Mit Blick auf Ihre umfangreiche Erfahrung mit Eseln: An welchen Erkrankungen leiden die Tiere am häufigsten?

OB:   Meiner Meinung nach sind das vor allem Huferkrankungen. Bei uns sind die Böden so nass, dass die Abnutzung der Hufe zu gering ist. Eine weitere große Herausforderung sind Sarkoide. Ich selbst habe Esel daran verloren. Diese Hauttumoren habe ich oft selber operiert und musste doch feststellen, dass sie immer wiederkommen. Dies war schon in meiner Zeit als Universitätsassistent so und ist bis heute so geblieben.

SP:   Ich stelle bei meinen Patienten auch immer wieder eine falsche Fütterung und daraus resultierende Krankheiten fest…

OB:   Ja, auf alle Fälle, das kommt auch hier häufig vor. Esel werden viel zu nährstoffreich gefüttert, verfetten und erkranken dann an Hufrehe. Meistens stehen die Tiere auf zu üppigen Weiden. Ich selbst muss zu meiner Schande gestehen, dass auch einer meiner eigenen Esel mal an Hufrehe erkrankt war. Ich hatte nicht aufgepasst und meine Esel nach einer frostigen Nacht zu früh am Vormittag hinausgelassen. Dabei war das Gras noch viel zu fruktanreich und mein Esel wurde krank.

SP:   Haben sich Häufigkeit und Art von Erkrankungen bei Eseln aus Ihrer Sicht verändert?

OB:   Nein, die Probleme sind relativ gleich.

SP:   Aber der Klimawandel dürfte sich doch auf das Wohlergehen von Eseln auswirken?

OB:   Nun, in den letzten zwei Jahren hat sich tatsächlich viel geändert. Durch die enorme Trockenheit nehmen die Weidemöglichkeiten ab. Dieses Jahr ist fast gar nichts gewachsen und da Esel (wie Pferde auch) auf viel Rohfaser in der Ration angewiesen sind, müssen wir erfinderisch werden. Das gelingt beim Esel relativ leicht. Ich habe meinen Tieren dieses Jahr z.B. viele Äste gegeben. Der Esel als Wüstentier kommt mit dieser Rohfaserquelle gut zurecht. Was auch durch die neuen Witterungsbedingungen so stark zugenommen hat, ist der enorme Kriebelmückenbefall. Sie zerstechen in ganz erheblichem Ausmaß besonders die Röhrbeine und die Tiere leiden fürchterlich. Auch der Bereich innen in der Ohrmuschel ist sehr verletzlich und muss gepflegt werden. Und im erhöhten Insektenaufkommen sehe ich eine größere Gefahr für die erwähnten Sarkoide.

SP:   Wie ging es weiter nach Ihrem ersten Esel vom Schlachthof?

OB:   Wissen Sie, das ist so: Wenn man einmal zu einem Esel gekommen ist, dann wird man die Esel nie wieder los. Das geht nicht.

SP:   Aber als Ihre erste Eselin verstarb – haben Sie da ans Aufgeben gedacht?

OB:   Auch das ging nicht. Das Partnertier ist ja zurückgeblieben und der brauchte einen neuen Kameraden. Und so haben wir immer wieder einen neuen Esel gekauft. Die kamen z.T. aus privater Haltung oder wurden wieder vor der Schlachtbank gerettet.

SP:   Was wünschen Sie sich für die Esel in Österreich und ihre Besitzer für die Zukunft?

OB:   Ich wünsche mir, dass sich die Besitzer noch mehr und besser informieren. Sie sollten sich gute Kenntnisse darüber aneignen, was ein Esel für sein Wohlbefinden braucht, damit sie lange lange Freude an ihrem Tier haben und der Esel gesund bleibt. Darüber hinaus wünsche ich mir von den Kollegen, für Wissenschaft und Lehre, dass Esel endlich als eigene Spezies betrachtet werden. Es ist nun mal so: Ein Esel ist kein kleines Pferd und das müssen wir als Tierärzte stets berücksichtigen!

SP:   Und was wünschen Sie sich mit Blick auf Ihre eigenen Esel?

OB:   Meine Frau und ich haben leider keine Kinder, die sich um die Esel kümmern können. Gleichzeitig kann es jeden Tag passieren, dass ich mich nicht mehr kümmern kann. Deshalb bin ich mit einem Gnadenhof in Kontakt, der sich nach meinem Tod um die Tiere kümmert. Aber ich möchte die Esel halten und versorgen bis zu meinem letzten Atemzug. Schließlich leben sie bei mir im Paradies und können von hier nur in die Hölle kommen. Unsere Esel gehören nun mal zur Familie.

Tierarzt Dr. Otto Binder mit Loisi (links) und Otti (rechts) © Christian Bulla-Zoderer, Wien
Tierarzt Dr. Otto Binder mit Loisi (links) und Otti (rechts) © Christian Bulla-Zoderer, Wien
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Tierarzt Dr. Otto Binder mit Loisi (links) und Otti (rechts) © Christian Bulla-Zoderer, Wien Tierarzt Dr. Otto Binder mit Loisi (links) und Otti (rechts) © Christian Bulla-Zoderer, Wien
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